Fallstudie · Eigenprojekt · 2026

Kopfschmerz-Kalender

Für jemanden in meiner Familie habe ich eine App gebaut, die aus einem Papierbogen der Kinderarztpraxis ein Tagebuch macht, das ein Jugendlicher wirklich jeden Tag führt. Als Web-App und als echte Android-App. Ohne Server, ohne dass Daten das Handy verlassen.

Ich zeige dir dieses Projekt, weil darin genau das steckt, worauf ich mich spezialisiere: mit Agentic Coding eine Idee von Anfang bis zum fertigen, installierten Produkt bringen. Und weil mir dabei wichtig war, dass die Technik dem Menschen dient und nicht umgekehrt.

Zwei Smartphones mit der App Kopfschmerzkalender: links der Startbildschirm, rechts die Schmerzort-Eingabe über eine Kopf-Silhouette.
Meine Rolle
Konzept, Design und Umsetzung
Umfang
Wochenendprojekt, mit etwas Recherche vorab
Plattformen
Web-App (PWA) und native Android-App
Methode
Agentisches Coding mit Claude Code
Ausgangslage

Ein guter Bogen, den niemand ausfüllt

Die Kinderärztin hat empfohlen, ein Kopfschmerz-Tagebuch zu führen. Auf Papier: ein 14-Tage-Raster mit Smiley-Skala, Symbolen für die Dauer und einer nummerierten Liste möglicher Auslöser.

Du ahnst, wie das ausgeht. Der Zettel liegt nicht griffbereit, wird abends aus dem Gedächtnis nachgetragen, wenn überhaupt, und ist beim nächsten Termin kaum auszuwerten. Meine Aufgabe war also nicht „Papier digitalisieren“, sondern etwas bauen, das ein Teenager freiwillig benutzt.

Zielbild

Im Alltag ansprechend, im Anfall reizarm

Bevor ich die erste Zeile geschrieben habe, habe ich mir ein paar feste Leitplanken gesetzt. Dafür habe ich Studien zu Gesundheits-Apps für Jugendliche gelesen und mir angeschaut, wie Apple und Google heute mit solchen Oberflächen umgehen.

  • Ein Eintrag muss in unter 30 Sekunden gehen.
  • Die App hat zwei Gesichter: im Alltag lebendig und jugendlich, während einer Kopfschmerz-Attacke ruhig und reizarm.
  • Am Ende muss ein Bericht herauskommen, der den Papierbogen nachbaut, damit die Ärztin ihr gewohntes Format wiedererkennt.
  • Die Daten bleiben zu hundert Prozent auf dem Gerät. Das war für mich nicht verhandelbar.
Vorgehen

Von der Anforderung zum Release, agentisch

Gebaut habe ich das Projekt durchgängig mit Claude Code, agentisch. Meine Rolle ist dabei die, die mir liegt: Ich kläre die Anforderungen, treffe die Entscheidungen, prüfe jeden Zwischenstand und gebe die Richtung vor.

Die Web-App ist bewusst schlank geblieben. Reines HTML, CSS und JavaScript, kein Framework, kein Build. Verlauf, Auswertung und der druckbare Praxis-Bericht entstehen alle direkt im Browser.

Als klar wurde, dass es eine echte Android-App braucht, kam der Teil, der für mich Neuland war. Ich habe die komplette Android-Entwicklungsumgebung von null aufgesetzt, Java, SDK, das Zusammenspiel der Versionen, und dieselben Dateien in eine native App verpackt. Das hat gehakt, das hat gedauert … und dann baute die erste APK.

Technik soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Bei einem Gesundheits-Tagebuch für ein Kind heißt das vor allem: Die Daten gehören dem Kind, sonst niemandem.

Lösung

Was die App kann

Zwei Smartphones mit der App Kopfschmerzkalender: links die Verlaufsansicht mit Wochenkarten und Balken nach Schmerzstärke, rechts der Akutmodus mit gedimmter, reizarmer Oberfläche.

Schnelleingabe mit Körper-Karte

Stärke auf einer Skala von 0 bis 10, Schmerzort per Antippen einer Kopf-Silhouette von vorne und von hinten, Dauer, Begleitsymptome, Auslöser. Pflicht sind nur Datum und Stärke.

Verlauf in Wochenkarten

Einfache Balken statt medizinischer Diagramme, eine Aussage pro Karte, Filter nach Schlaf, Stress, Schule oder Bildschirmzeit.

Akutmodus

Ein Knopf dimmt die Oberfläche, stoppt jede Bewegung und lässt nur das Nötige stehen: eintragen, Atemübung, Vertrauensperson anrufen, Warnzeichen.

Bericht für die Praxis

Ein wählbarer 14-Tage-Zeitraum wird als Druckseite ausgegeben, die das Raster, die Legende und die Symbole des Originalbogens nachbaut. Über den Druckdialog als PDF speicherbar.

Warnzeichen, immer erreichbar

Ein ruhig formulierter Sicherheitsbereich mit den Situationen, die ärztlich abgeklärt gehören, ohne Menü und ohne Registrierung.

Sicherung als Datei

Weil nichts in einer Cloud liegt, lässt sich der komplette Datensatz als JSON exportieren und wieder einlesen.

Datenschutz

Privatsphäre als Architektur, nicht als Einstellung

Es sind Gesundheitsdaten eines Kindes. Deshalb war von Anfang an klar: kein Server, kein Konto, kein Tracking. Jeder Eintrag bleibt im Speicher genau des Geräts, auf dem er gemacht wurde.

Die Android-App geht noch einen Schritt weiter. Sie hat nicht einmal eine Internet-Berechtigung, sie kann technisch nichts nach außen schicken, und die App-Daten sind aus den Geräte-Backups ausgenommen. In der App steht in einfachen Worten, was gespeichert wird und warum. Auch das gehört für mich dazu.

Technik

Stack

  • FrontendHTML, CSS, JavaScript, kein Framework, kein Build
  • Web-AppPWA mit Service Worker und Web App Manifest, offline nutzbar
  • SpeicherlocalStorage, ein Datensatz pro Gerät
  • AndroidWebView mit WebViewAssetLoader, reines Java
  • BuildJDK 17, Android SDK 34, Gradle, von null eingerichtet
  • WerkzeugClaude Code, agentisch von der Idee bis zur APK
Herausforderungen

Wo es interessant wurde

Klinisches Formular trifft Teenager

Die 0-bis-10-Skala der App ordne ich für den Praxis-Bericht sichtbar den drei Smiley-Stufen des Papierbogens zu. Beides stimmt, keiner muss sich anpassen.

Der WLAN-Weg war eine Sackgasse

Ein lokaler Testserver im Heimnetz scheiterte an der Geräteisolierung des Routers. Statt mich daran festzubeißen, habe ich mich für eine echte, installierbare App entschieden.

Android von null

Ohne Paketmanager und ohne Vorerfahrung eine funktionierende Toolchain aufsetzen und die Versionsketten aus JDK, Gradle und SDK in Einklang bringen, bis die erste APK baute.

Lesbarkeit im Kleinen

Beschriftete Zonen in einer Kopf-Silhouette, die auch ausgewählt und am Rand der Form lesbar bleiben. Das hat ein paar Runden gebraucht.

Ergebnis

Im täglichen Gebrauch

< 30 s für einen vollständigen Eintrag
0 Server, Konten, Tracker, Internet-Rechte
3,1 MB groß ist die Android-App, komplett offline

Die App ist installiert und wird geführt. Der erste ausgedruckte Bericht geht zum nächsten Termin mit.

Fazit

Was dieses Projekt zeigt

Für mich steckt in diesem kleinen Projekt ziemlich viel davon, wie ich arbeite:

  • aus einem analogen Prozess die echten Anforderungen herausziehen
  • eine Oberfläche bauen, die auch für eine schwierige Zielgruppe funktioniert, hier Jugendliche und ein Gesundheitsthema
  • mit KI agentisch arbeiten, von der ersten Idee bis zur ausgelieferten App
  • über Plattformen hinweg denken: eine Codebasis, einmal als Web-App, einmal nativ
  • Datenschutz nicht als Häkchen behandeln, sondern als Entscheidung, die die ganze Architektur bestimmt